1. Einleitung
Die Geschichte der Mission kann man so zugleich als Geschichte der Inkulturation des Christentums lesen. Die Ausbreitung der christlichen Mission stand immer von Anfang an einer neuen Kultur und ihrer Umwelt gegenüber. Voraussetzung für den missionarischen Erfolg ist die Bereitschaft der jeweiligen Kulturträger und der Glaubenboten, sich gegenseitig anzunehmen und für eine Wandlung ihrer Auffassung offen zu sein.
Die Ausbreitung des Christentums unter den Toba-Batak auf Nord-Sumatra (Indonesien), die 1860 von deutschen evangelischen Missionaren begonnen und dann Anfang des 20. Jahrhunderts von katholischen Missionaren fortgeführt wurde, ließ eine neue Epoche für das Volk beginnen und befreite es aus seiner isolierten Situation. Mit der Christianisierung wurde eine ‚neue Kultur’ dem Volk vorgestellt. Die Missionare verkündeten nicht nur das Evangelium, sie sorgten auch für eine berufliche Ausbildung und soziale Dienste. Das hat den Toba-Batak geholfen, sich dem Westen zu öffnen. Diese Öffnung brachte manches, was sich mit ihrer traditionellen Kultur und der darin begründeten Denkweise nur schwer vereinbaren ließ. Wollten sie den christlichen Glauben annehmen, mussten sie sich teilweise von ihrer Überlieferung trennen. Doch im Lauf der Zeit entdeckten die Toba-Batak anderes in ihrer Kultur, das sich mit dem christlichen Glauben vereinbaren ließ.
Die katholische Kirche hat bei ihrer Missionstätigkeit im Batakland von Anfang an die traditionelle einheimische Kultur hoch geschätzt. Das ist nach Budi Susanto ein Grund dafür, dass in den 30er Jahren viele Toba-Batak in die katholische Kirche eingetreten sind. Zudem haben die Missionare das westliche Ausbildungssystem angeboten, das den Toba-Batak ermöglichte, an der modernen Welt teilzunehmen. Die Evangelisierung wurde natürlich noch von der Kultur der europäischen Missionare beeinflusst. Seit dem 2. Vatikanischen Konzil werden die Bemühungen um die Verwurzelung des Christentums im kulturellen Kontext verstärkt. Aus diesem Grund ist die Inkulturation des christlichen Glaubens in der kirchlichen Praxis ein zentrales Thema geworden.
Die neue Wertung der einheimischen Kulturen war ein wichtiger Schlüssel, um das Eingehen auf die regionalen und kulturellen Kontexte für die jungen Kirchen außerhalb Europas als legitime, ja als wichtige Aufgabe zu erkennen. Und Giancarlo Collet hat auch Recht, als er schreibt: “Die einzelnen Ortskirchen, welche Glauben und Leben zur Einheit zu bringen suchen, um den Menschen in ihrem jeweiligen Kontext das Evangelium zu bezeugen zu können, sind für den dafür erforderlichen hermeneutischen Prozess der Interpretation des Evangeliums unersetzlich, weil vor allem sie diese Kulturen von innen zu verstehen in der Lage sind.” Darüber hinaus führt die Begegnung des christlichen Glaubens und der Kultur zu manchen Problemen, die sich in der Inkulturationsproblematik fortsetzen. Diese Probleme können nur durch interkulturelle Kommunikation gelöst werden, wobei die beteiligten Kulturen sowohl Zeugnis geben wie Zeugnisse anhören müssen. Die Inkulturationsbemühungen brauchen eine kritische Korrelation zwischen dem christlichen Glauben und den Erfahrungen mit der Kultur der Toba-Batak. Deshalb soll im Folgenden analysiert werden, wie der Inkulturationsprozess des christlichen Glaubens am Beispiel der Vorstellung von Gott unter den katholischen Toba-Batak im Erzbistum Medan, Nord-Sumatra, vor sich geht. Wie bezeugen die Toba-Batak ihren christlichen Glauben im Kontext ihrer Kultur?
2. Die Toba-Batak und die katholische Mission
2.1 Die Toba-Batak und ihre Adat
Batak ist ein Volk, das im Gebiet des Toba-Sees im nördlichen Sumatra/Indonesien lebt und zur altindonesischen Bevölkerungsschicht gehört. Sie bilden sprachlich und kulturell keine geschlossene Gruppe, sondern unterscheiden sich zum Teil erheblich voneinander. Südlich vom Toba-See leben die Angkola- und die Toba-Batak, nördlich die Dairi- oder Pakpak- und die Karo-Batak, östlich die Simalungun-Batak. Drei konstitutive Merkmale verbinden die Batak insgesamt: (1) Ihre genealogische Struktur mit der Großfamilie = Marga, d. h. patrilinearen und exogamen Sippen, (2) die Stammesreligion, die in Ahnenkult und Geistesopferwesen bestand, und (3) die Einwirkung indischer Kultur, die wahrscheinlich vor mehr als einem Jahrtausend begann. Die Toba-Batak sind die zahlenmäßig größte Gruppe. Die Beziehung von einer Marga zu einer anderen bezeichnet man als Margaband. Das Band der Marga ist durch das “Dalihan Na Tolu”-System (Dreiecksverhältnis, ein Verwandtschaftssystem der Batak) bestimmt. Dalihan Na Tolu besteht aus “Dongan Sabutuha” (wörtlich: eines Bauches), das sind alle Angehörigen der eigenen Marga bzw. die Blutsverwandten eines Mannes, “Hula-Hula”, die Angehörigen der Marga des Schwiegervaters des Mannes; und “Boru”, nämlich Angehörige der Marga des Schwiegersohnes bzw. der Schwiegersöhne des Mannes. Die Dalihan Na Tolu spielt eine große Rolle im sozialen System der Toba-Batak.
Eine Untersuchung über das Leben der Toba-Batak, über ihre Philosophie, ihre Kultur und ihre Religion wird unmöglich ohne ein tief gehendes Verständnis der Adat. Das Wort Adat ist ein Begriff, der sich nicht direkt ins Deutsche übertragen lässt. Die Adat, die als ein arabisches Wort durch den Islam in die indonesische Lebenswelt gekommen ist, meint ein System, das die Lebensweise und Lebensverhältnisse im einzelnen, in der Gemeinschaft, innerhalb des Volkes und gegenüber den fremden Völkern ordnet; es ist durch die Vorväter überliefert und wird durch gemeinsame Übereinkunft bestätigt oder verändert. Sie ist aber nicht bloße Tradition oder Gewohnheit im wörtlichen Sinne. Sie ist Gewohnheit mit rechtlicher Konsequenz. Für die Toba-Batak ist die Adat von spezieller Bedeutung, weil sie als ein Stück der Religion gilt und Sakralität besitzt. Die Sakralität der Adat kommt in der Beziehung von Adat und Marga am besten zur Geltung. Die Adat hat als eine ihrer Funktionen, die Marga zu bestätigen und ihr rechtliche Geltung zu geben. Im Mittelpunkt stehen dabei die Adat und alle Aspekte der Batak-Gesellschaft in Vergangenheit und Gegenwart. In der Vergangenheit garantierte der Vollzug der Adat dem einzelnen und seiner Gruppe Nahrung, Nachkommen, Erfolg, Reichtum, Ehre und Segen. Nach der Adat geregelt wurden: Hausbau, Heirat, Feldbestellung, Schlachtung, Krankenbehandlung, Krieg und Frieden, Tanz, Totenbestattung, Erbverhältnis usw. Die Adat ordnete den Alltag und den Feiertag; sie gab dem Leben seine Ordnung und seinen rituellen Gang. Vor der Ankunft der monotheistischen Religion waren Adat und Religion allerdings untrennbar, wie ein Toba-Batak-Gelehrte meinte: “Adat ist Frucht der alten Religion”.
2.2 Die katholische Mission unter den Toba-Batak
Im Jahr 1853 versuchte der erste katholische holländische Priester, Caspar de Hessele, unter den animistischen Batak in Siabu/Mandailing im südlichen Batakland zu missionieren. Dort wohnte er mehr als ein Jahr; doch bevor er die ersten Früchte seiner Arbeit ernten konnte, starb er an Fieber. Mit seinem Tod 1854 endete der erste Versuch der katholischen Mission unter den Batak. Noch im selben Jahr hat die holländische Kolonialregierung durch die Kolonialgesetzgebung in Artikel 123 eine Doppelmission verboten. Das bedeutet, es war nicht erlaubt, dass zwei verschiedene konfessionelle Missionsgesellschaften in der gleichen Region arbeiteten. Ruhe und Ordnung sollten in der noch nicht abgeschlossenen Kolonisierung nicht gefährdet werden. Mit dem Tod Hesseles und diesem Gesetz war der erste Versuch der katholischen Mission im Batakland gescheitert.
Die Christianisierung des Bataklandes fing erst ab 1861 an, als zwei evangelische Missionare aus der Rheinischen Missionsgesellschaft (RMG) am 7. Oktober 1861 in Sipirok ein. Im selben Jahr zogen sie nach dem reichbevölkerten Gebiet Silindung weiter. Ein Jahr danach kam Ludwig Ingwer Nommensen in Sumatra an. Er errichte 1864 in Silindung (dem heutigen Tarutung) ein Missionszentrum mit dem Ziel, von dort aus das Toba-Gebiet zu missionieren. Diese evangelische Mission war erfolgreich. Im Jahre 1911 zahlten die Christen dort etwa 100.000. Silindung wurde zum evangelischen Missionsgebiet erklärt. 25 Jahre danach (1936) waren 300.000 Gläubigen zu verzeichnen. Nommensen wurde zum Apostel der Batak erhoben.
Am 30. Juni 1911 übernahm der Kapuzinerorden die ganze Insel Sumatra. Ein Jahr später, 1912, wurde die apostolische Präfektur Sumatra gegründet, und Libertus Cluts OFMCap war der erste apostolische Präfek. Als die Kapuziner in Sumatra ihre Mission anfingen, gab es etwa 4000 Katholiken. Die meisten von ihnen waren Europäer, die für die Kolonialregierung arbeiteten; einige waren Soldaten, Ansiedler und Plantagenunternehmer. In den ersten Jahrzehnten ihrer Sumatramission beschränkten sich die holländischen Kapuziner auf die Europäerseelsorge, und etwas später kam die Missionierung unter den Chinesen der Küstenstädte hinzu. Wegen der Kolonialgesetzgebung (Artikel 123) von 1854 und des Mangels an Personal konnte Libertus Cluts noch nicht mit der Missionierung des Bataklandes beginnen. Am 23. April 1921 war Cluts während seiner Reise zu einer Missionsstation gestorben. Sein Nachfolger wurde Mathias Brans OFMCap, der die Missionsstrategie ordentlich entwickeln wollte.
1934 bekam Mathias Brans die offizielle Erlaubnis der Kolonialregierung für die katholischen Missionare, die Mission unter den Toba-Batak im Batakland zu beginnen. Im selben Jahr nahm der erste katholische Missionar, Sybrandus von Rossum seinen festen Wohnsitz in Balige, mitten im Batakgebiet, wo es bereits katholische Gemeinde gab. Die Entwicklung der katholischen Mission im Batakland nahm nun einen dynamischen Verlauf. Viele Außenstationen wurden gegründet. Neue, junge, kräftige Missionare zogen in die Mission. Die Zahl der Katechumenen und Getauften stieg rasch an.
Um das Evangelium den Toba-Batak zu verkünden, wandten die katholischen Missionare einige Methoden an. Einerseits benutzten sie die gleichen Strategien, die evangelische Missionare benutzten, nämlich Mission durch karitative Werke. Sie bauten Kirchen, Krankenhäuser und Schulen. Andererseits hatten sie ihre eigene Methode. Sie verboten Adat oder die traditionelle Kultur nicht, soweit alles mit dem katholischen Glauben vereinbar ist. Die einheimischen Katholiken können ihre traditionelle Musik und Tänze in die Liturgie einbringen. Die persönliche Beziehung zwischen den Missionaren und den Toba-Batak hat auch eine große Rolle für das Gelingen der Mission im Batakland gespielt. Die Batak sahen, dass die Missionare den einfachen und armen Menschen nahe standen. Missionare besuchten sie, riefen sie zur Versammlung und brachten ihnen die Grundkenntnisse der katholischen Lehre bei. Die persönlichen Kontakte zu den Missionaren führten zum Wunsch nach der Taufe.
Vor ihrem Einsatz im Batakland hatten katholische Missionare sich schon etwas mit der Kultur und vor allem mit der batakischen Sprache vertraut gemacht. Sprachkenntnisse sind doch die notwendige Voraussetzung für einen guten Kontakt mit den Einheimischen und für einen Zugang zur Kultur des Volkes. Obwohl die Kirche eigentlich seit dem Beginn ihrer Mission mit der lokalen Kultur der Toba-Batak anzupassen versuchte, sind die Inkulturationsbemühungen seit dem 2. Vatikanischen Konzil verstärkt. Mit der veränderten Auffassung der Kirche über die Welt, andere Religionen und über sich selbst, ändert sich auch ihre Annäherung zur Begegnung zwischen der Adat und dem christlichen Glauben. Früher richtete die Kirche ihre Augen auf sich, jetzt auf die anderen. Sie versucht, die Lösungen der Probleme zu finden, die aus dieser Begegnung entstanden sind. Die Kirche versucht, die in der Kultur verwurzelten christlichen Glaubenserfahrungen zu fördern.
Der konkrete Schritt auf der katholischen Seite ist die Inkulturation. Sie zeigt sich unter anderen in der Übersetzung der Bibel in die einheimische Sprache, die Änderung der kulturellen Elemente vornehmen, die mit der katholischen Lehre nicht vereinbar sind, die Aufnahme relevanter kulturellen Elemente in die Liturgie, wie z.B. Musik, Gesänge, Tänze und der Versuch, die einheimische Architektur und Kunst beim Kirchenbau zu berücksichtigen. So wurden Bibel-, Katechese- und Liturgiekommissionen für die Vertiefung des katholischen Glaubens in Erzdiözese Medan ins Leben gerufen. Den Gemeindevorstehern und den Gläubigen werden Kurse angeboten. Liturgische Werkwochen als Werkstatt der Inkulturation werden häufig organisiert.
3. Inkulturationsbemühungen am Beispiel der Vorstellung vom Gott
Im folgenden wird ein Beilspiel der Begegnung zwischen dem traditionellen Glaubenssystem der Toba-Batak und dem christlichen Glauben dargestellt.
3.1. Das Gottesverständnis im traditionellen Glaubenssystem
Lange vor der Ankunft der christlichen Missionare kannten die Toba-Batak ein religiöses System. Wer zum Verständnis des religiösen Systems der Toba-Batak gelangen will, muss vom Mythos des Schöpfungsgeschehens ausgehen. Der Schöpfungsmythos wurde von Generation zu Generation mündlich vermittelt. Die Toba-Batak denken sich den Kosmos aus drei großen Welten gebaut: die Oberwelt oder der Himmel, der Sitz der Gottheiten, die Mittelwelt oder die Erde als das Reich des Menschen und die Unterwelt als der Ort des gefesselten Drachens Naga Padoha. In der Oberwelt wohnen die fünf höchsten Gottheiten: Mulajadi Nabolon (Großer Ursprung des Werdens) oder Schöpfergott, Batara Guru, Soripada, Mangalabulan und Debata Asiasi. Mulajadi Nabolon hat alles geschaffen. Sein Wesen hat keinen Anfang und kein Ende. Mulajadi Nabolon hat an die Weltherrschaft der Götterdreiheit (Batara Guru, Soripada und Mangalabulan) delegiert. Batara Guru wacht über Recht und Ordnung und ist ein gerechter Richter. Soripada gilt als guter Redner. Mangalabulan ist eitel und böswillig, stellt den Menschen Fallen, und man muss ihn deshalb fürchten. Debata Asiasi ist wie ein Ausgleich für die Götterdreiheit. Wenn zwischen den drei Göttern eine Differenz entsteht, fällt er den Spruch, der allen gleich gerecht wird. Nur selten betet man zu ihm, ein Opfer empfängt er nur als Beigabe zu den Opfern für die drei Götter.
Die Gottesidee der Toba-Batak ist auf vielfältige Weise mit dem religiösen Ritual und der Sozialordnung verwoben. Die Sozialordnung der Toba-Batak beruht fast ausschließlich auf Bindungen, die aus der Verwandschaft resultieren. Philip L. Tobing sieht den Zentralpunkt der Religion der Toba-Batak in der Gottesvorstellung. Er begründet alle sozialen und religiösen Phänomene des Batakvolkes mit der Gottesidee. Tobing ist der Meinung, dass die drei Gottheiten (Batara Guru, Soripada und Mangalabulan) drei Funktionen der “Dalihan Na Tolu” der Toba-Batak (Hula-hula, Dongan Sabutuha und Boru) darstellen. Batara Guru ist das Symbol des Hula-hulas, der durch die Fruchtbarkeit seiner Tochter den neuen Menschen zeugt. In der Gesellschaft genießt Hula-hula die Ehre und die Kraft wie Batara Guru unter den drei Gottheiten. Soripada ist das Symbol des Dongan Sabutuhas, der die Verantwortung für die Ausbildung und die wichtige soziale Angelegenheit der Kinder von Mitgliedern des Dongan Sabutuhas trägt. Mangalabulan ist das Symbol von Boru. Mangalabulan hat zwei Funktionen: Einerseits segnet er die von dem Batara Guru vorbereitete Fruchtbarkeit, andererseits kann er auch sie verhindern. Dieselbe Funktion hat der Boru. Ein Schwiegersohn als Boru kann seine Frau befruchten. Er kann aber auch die Befruchtung verweigern.
Anicetus B. Sinaga konstatiert, dass Mulajadi Nabolon zugleich transzendent und immanent zu verstehen ist. Er ist aufgrund seiner ewigen Existenz transzendent, das Absolut-Anders. Er ist der Schöpfer des Kosmos und alle, die darin wohnen. Zugleich ist Mulajadi Nabolon immanent durch vielfältige Erfahrungen in einem dynamischen Leben und heiligen Kosmos.
Mulajadi Nabolon galt auch als die Quelle der Sahala (der Segen, die Kraft oder das Charisma). Die Toba-Batak glauben daran, dass es drei Arten von Sahala gibt, die man oft in seinem Leben sucht, nämlich: die Sahala ‚hamoraon’ (der Reichtum), die Sahala ‚hagabeon’ (die Nachkommen) und die Sahala ‚hasangapon’ (die Berühmtheit).
In der traditionellen Religion der Toba-Batak ist Mulajadi Nabolon auch mit den Werken der traditionellen Datus (Zauberer) verbunden. Deswegen brachten die Leute immer ihre Gaben für die Geister ihrer Ahnen, die nach ihrem Glauben in ihrem Dorf wohnen und sie vor allen bösen Geistern schützen.
3.2. Ein Versuch, die Begegnung zu finden und ihre Problematik
Als das Christentum im Batakland kam, brachte es neue Vorstellungen von Gott, mit denen sich der Glaube an Mulajadi Nabolon nicht vereinbaren ließen. Der einzige Weg, um das ewige Leben und das Heil zu erhalten, ist der Glaube an den christlichen Gott. Dieser neue Glaube ersetzte die traditionellen Vorstellungen von Gott und veränderte auch die religiöse Vorstellungswelt der Toba-Batak. Die Gottesvorstellung der traditionellen Religion der Toba-Batak hat zwei Dimensionen: die “Höhe”-Dimension – den Gott als Allmächtiger erfahren, der die Welt übersteigt – und die “Tiefe”-Dimension – den Gott als das enge und anwesende Wesen in der Natur. Der christliche Gott hat nicht nur die beide Dimensionen aber auch die andere Dimension, nämlich Gotteserfahrung in einer Person Jesu Christi. In Joh. 4, 24 geht es um die Art und Weise des Anwesens Gottes in der Welt und in der Geschichte. Gottes Liebe zur Welt besteht in der Gabe seines einzigen Sohnes (vgl. Joh. 3,16). Mulajadi Nabolon ist zwar mit dem Gott des Christentums nicht identisch, aber die Benennung ihrer gemeinsamen Attribute ermöglicht leichtere Annäherung zwischen den beiden.
Die Gottesvorstellung der Toba-Batak, Mulajadi Nabolon als die Quelle des Segens und der Kraft hat sowohl die evangelische als auch die katholische Kirche ihrem biblischen Gottesverständnis angepasst. In Bezug auf das Gottesverständnis kann man nun fragen: Wie können die Toba-Batak die Sahala des christlichen Gottes erfahren?
In der traditionellen Religion der Toba Batak ist Mulajadi Nabolon zum Beispiel durch den Initiationsritus erfahrbar. Mulajadi Nabolon verleiht den Menschen seine Sahala und die Menschen nehmen durch diesen Ritus am Leben von Mulajadi Nabolon teil. Das heilige Leben von Mulajadi Nabolon wird auch durch die realen Erfahrungen der Menschen in der Natur gesehen und er offenbart sich durch die Fruchtbarkeit der Menschen. Man erlangt die enge Kommunion mit Mulajadi Nabolon.
Als Vergleich findet man in einem Katechismus aus der ersten Phase der katholischen Mission im Batakland in einer Frage-Antwort-Form wichtige Aussagen zum Verständnis des christlichen Gottes: “Wo ist Gott? Gott ist im Himmel, auf der Erde und überall. - Weiß Gott und sieht er eigentlich alles? Ja, Er weiß alles, sogar unsere Gedanken. - Kümmert sich Gott um unser menschliches Wesen? Gott kümmert sich in väterlicher Weise um unser menschliches Wesen. - Gott, der Vater unseres menschlichen Wesens, wünscht, dass jeder gerettet wird.” Ein solches Verständnis von Gott wurde den ersten katholischen Toba-Batak nahegebracht, so dass die Sahala des christlichen Gottes wirklich den Gläubigen erfahrbar werden konnte.
Trotz der Ähnlichkeit der oben genannten Sahala-Vorstellung zwischen dem christlichen Gott und dem traditionellen batakischen Gott hat die katholische Kirche Schwierigkeiten mit der Vorstellung der “Dalihan Na Tolu”. Die katholische Kirche, vor allem die Kapuzinermissionare im Batakland, gehörte nicht zum System der Dalihan Na Tolu der Toba-Batak, denn sie waren nicht verheiratet und gehörten nicht den bestimmten Margas. Derjenige, der zu keiner Marga gehört, gilt nicht als Batak. Man hält ihn nicht für “halak hita” ( einer, der “zu uns” gehört). Ein Nichtbatak, der sich in die Batakgesellschaft integriert und zu den Batak gerechnet werden will (zum Beispiel durch Heirat), muss sich zu einer bestimmten Marga bekennen. Wenn ein Batak sich in einer Adat-Zeremonie (z.B. Heirat, Totenbestattung) befindet, wird ihm/ihr Jambar (eine Portion des Fleisches) gegeben, die nach seinem/ihrem Status in der Dalihan Na Tolu geteilt wird. Jambar ist eine Portion , die man in einem Adatfest bekommt. Es kann aus einem Stuck Fleisch oder Geld bestehen. Darum bekamen die katholischen Missionare beispielweise in der Adat-Zeremonie keine Jambar.
Ein Beispiel der Begegnung zwischen den Missionaren und den katholischen Toba-Batak lässt sich nennen, um die Inkulturationsbemühungen und auch ihre Problematik zu verdeutlichen. 1940 besuchte Bischof Brans einige Missionsstationen im Batakland. Er wurde mit Gondang (traditionelle Musik), Tortor (Tanz) und Ulos (Schultertuch) während der Zeremonie empfangen. Gondang ist die traditionelle Musik, die aus verschieden Instrumenten bestehen. Gondang wird durch die zeremoniellen Tortor (Tanzen) begleitet und im Zusammenhang mit der Adat-Zeremonie gespielt. Ulos ist ein traditionelles Schultertuch, das mit dem Mythos von Batara Guru als Symbol für Hula-hula verbunden ist. Für die Toba-Batak hat Ulos eine große Bedeutung. Ulos gilt als Zeichen des Segens in einer Adat-Zeremonie. Alle Toba-Batak wissen, dass nur die Hula-hula die Ulos für ihre Boru geben dürfen. Vor der christlichen Mission waren Gondang und Tortor ein erforderlicher Teil des religiösen Trance-Ritus der Toba-Batak, in dem die Kommunikation mit den Ahnen mit Hilfe von Mulajadi Nabolon ermöglicht worden war. Die feierliche Überreichung eines Ulos als die Segenskraft war in der traditionellen Religion auch bestimmten Festen den sozialen Konstellationen der Dalihan Na Tolu vorbehalten.
Um über die Inkulturation nachzudenken, ergibt es sich nun Fragen, welche Bedeutung und welche Funktion diese Empfangszeremonie für die katholischen Toba-Batak hat. Im Blick auf die Gottesfrage und die Frage nach dem inkulturierten Zeugnis, wer bezeugt was in diesem Beispiel? Im Kontext der Dalihan Na Tolu, wer übernimmt die Rolle von Hula-hula, Dongan Sabutuha und Boru bei dieser Empfangszeremonie? Es würde dann künstliche Dalihan Na Tolu gebildet, wenn die Gemeinde die Rolle der Hula-hula nimmt, der Bischof und Priester nehmen die Rolle der Boru und die Pastoralmitarbeiter die der Dongansabutuha. Es ist schwierig zu bestimmen, denn die Kirche kennt solche Struktur nicht.
Während der Empfangszeremonie wurde Tortor (Tanz) durch die Gondang begleitet. Wie schon am Anfang erwähnt, die katholischen Missionare haben die traditionelle Kultur der Toba-Batak nicht verboten, solange alles mit dem katholischen Glauben nicht im Widerspruch steht. Die Gemeindemitglieder lagen Ulos auf die Schulter des Bischofs. Der Ulos ist ein Symbol des Segens in einem Verwandschaftsystem der Toba-Batak. Die katholischen Toba-Batak empfingen ihren Bischof feierlich und zeremoniell, aber sie konnten keine Adat-Zeremonie anbieten, weil der Bischof nicht zum System der Dalihan Na Tolu gehörte. Für die katholischen Toba-Batak hatte diese Empfangszeremonie eine neue Bedeutung und galt als eine christianisierte Form eines Batak-Ritus. Diese Zeremonie ist von den katholischen Toba-Batak im Kontext des christlichen Glauben neu interpretiert worden. Im Rahmen der Aufnahme dieser Handlung in der Kirche hat sich der Kreis der möglichen Empfänger und die Bedeutung dieser Zeremonie verändert und erweitert. Gondang und Tortor wurden in der Kirche erlaubt als ein Teil der Liturgie. Der Ulos kann überreicht werden, um zu zeigen, “In Christus sind wir eins” und “Wir beten für dich”. Mit dieser Interpretation haben die katholischen Toba-Batak dem Bischof Ulos gegeben.
Im Blick auf die Gottesfrage haben die katholischen Toba-Batak bezeugt, dass der christliche Gott durch die Ulos-Geschenke als Symbol der Einheit in Christus die Grenzen familiärer Zugehörigkeit übersteigt. Die Toba-Batak fühlten sich auch wohl, denn sie konnten ihre kulturelle Identität in der Kirche ausdrücken.
4. Schluss
Im Inkulturationsprozess ist die Transformation der traditionellen Kultur der Toba-Batak durch das Christentum erforderlich und umgekehrt. Das bedeutet, es gibt wirklich eine wechselseitige Beleuchtung von überliefertem Christentum und aktueller Kultur im Sinne einer kritischer Korrelation. Die gegenseitige Beleuchtung wird auch Spannungen und Brücke aufdecken. Dieser Inkulturationsprozess dauert permanent und das Evangelium wird in der religiös-kulturellen Situation so zur Sprache gebracht, dass es sich nicht bloß mit Elementen dieser Situation ausdrückt, sondern zu deren bestimmender und transformierender Kraft wird. Allerdings gibt es Schwierigkeiten und Probleme in der Interpretation des Evangeliums und der Kultur, die nur durch interkulturelle Kommunikation gelöst werden. Die Kommunikation sucht in erster Linie nicht nach dem Konsens, sondern nach dem Ausdruck der eigenen Überzeugung, indem die traditionelle Kultur der Toba-Batak und das Christentum sowohl Zeugnis geben wie auch Zeugnisse anhören müssen. Diese Kommunikation geht vor sich dauerhaft und braucht Zeit.
Für eine gelingende Inkulturation spielen die Toba-Batak eine große Rolle, indem sie aktiv ihre Kultur aus dem Geiste des Evangeliums zu gestalten und zu verändern versuchen. Das Evangelium wird neue verstanden und belebt, wenn es in die Kultur der Toba-Batak integriert ist. Die Integration bleibt immer ein hermeneutischer Prozess der Interpretation. Gondang, Tortor und Ulos im Zusammenhang mit der traditionellen Gottesvorstellung Mulajadi Nabolon gelten beispielweise als Medium des kulturellen Ausdrucks der Toba-Batak im Prozess der Inkulturation des christlichen Glauben an Gott in der katholischen Kirche. Wie werden diese traditionellen Überlieferungen im Christentum transformiert, das hängt davon ab, ob die Menschen vor Ort als die Verantwortungsträger für das Bezeugen des Evangeliums die Freiheit haben, ihre Glaubenserfahrungen im Kontext ihrer Kultur ausdrücken zu können.
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